Praktikumsbericht von Franziska Schedl
"Politiker sind faul, arbeiten selten, und sind dabei auch noch überbezahlt", wer kennt nicht solche, oder ähnliche Stammtischaussagen?! Nun, jedem der diese Auffassung teilt, empfehle ich es, mal ein Praktikum bei einem Abgeordneten des Deutschen Bundestag zu absolvieren. Im September 2010 bekam ich die Gelegenheit ein ebensolches im Büro von Herrn Dr. Geisen zu machen und die Arbeit des deutschen Parlaments aus nächster Nähe kennenzulernen, und ich kann bereits vorwegnehmen: Die Aussagen entbehren jeder Grundlage: Bundestagsabgeordnete haben meistens Arbeitstage von mehr als zwölf Stunden, die vollgepackt sind mit diversen Ausschusssitzungen, Sitzungen im Plenum und Gesprächen mit Bürgern oder Vertretern unterschiedlicher Interessenverbände, im Anschluss daran sind Abendveranstaltungen, die sie wahr nehmen müssen, um ihre Partei zu repräsentieren. Häufig beginnt der Arbeitstag eines Parlamentariers gegen acht Uhr morgens und endet nicht vor 22 Uhr.
Für mich als Politikwissenschaftsstudentin ist es besonders beeindruckend einmal einen Blick "hinter die Kulissen" der Politik werfen zu können, mit der ich mich sonst auf eher abstrakte Weise in Vorlesungen beschäftige. Im Bundestag hat man das Gefühl, hautnah und zeitgleich an den Geschehnissen dabei zu sein, von denen man sonst erst am nächsten Tag aus der Zeitung erfährt.
Meine erste Woche im Bundestag war eine Haushaltswoche, das heißt in dieser Woche wurde im Plenum über den Haushaltsetat der verschiedenen Ministerien für 2011 diskutiert. In dieser Woche läuft alles etwas anders ab, und weil die Opposition diese Woche traditionell für eine Gesamtabrechnung mit der Regierung nutzt, kam mir die Stimmung aufgeheizter und hektischer vor als in gewöhnlichen Sitzungswochen. Ich hatte die Gelegenheit, mir viele Debatten live von der Besuchertribüne anzuschauen, konnte verfolgen, wie Finanzminister Wolfgang Schäuble seinen Sparkurs gegen die Opposition verteidigte, und hörte Außenminister Guido Westerwelle zu, wie er über die anstehenden Wahlen in Afghanistan sprach, oder über das Referendum der Türkei zur Verfassungsänderung. Wie bereits schon erwähnt, hatte ich immer das Gefühl, das aktuelle politische Tagesgeschäft direkt mitzuerleben und so war es faszinierend für mich, abends nach Hause zu kommen und in den Nachrichten genau das zu erfahren, was ich ja bereits Stunden zuvor live gehört hatte.
Zwischen den einzelnen Debatten nahm Herr Dr. Geisen mich mit zu Sitzungen seiner Arbeitsgruppe (AG) und zu seinem Arbeitskreis (AK), in der dann viele AGs zusammenkommen und ihre Ergebnisse vortragen. Die eigentliche Arbeit eines Parlamentariers findet in diesen Gremien statt, dort werden Probleme diskutiert, Lösungen erarbeitet, und neue Gesetze oder Gesetzesänderungen entworfen. Die Debatten im Plenum, die man im Fernsehen verfolgen kann, sind nur ein Bruchteil der Arbeit, und eher eine Möglichkeit, bei der jede Partei der Öffentlichkeit ihre Haltung nochmals verdeutlichen kann. Die konstruktive Arbeit findet jedoch abseits davon statt. Trotz seines vollen Tagesplan nahm Herr Dr. Geisen sich immer wieder die Zeit, mir politische Abläufe und Sachverhalte zu erklären und meine Fragen zu beantworten. Oft gingen diese Antworten über politische Themen hinaus, bis hin zu Anekdoten aus seinem Leben, die mich oft zum Lachen aber auch zum Nachdenken brachten.
Meine zweite Praktikumswoche war eine sitzungsfreie Woche. Diese Zeit verbringen die Abgeordneten vor Ort im Wahlkreis. Dementsprechend verlief mein Arbeitsalltag etwas ruhiger, und wurde besonders zur inhaltlichen Recherche genutzt. So beschäftigte ich mich beispielsweise mit dem Integrationspapier der FDP-Bundestagsfraktion und erstellte ein Informationspapier darüber für die Website von Dr. Geisen.In der darauffolgenden Woche tagte der Bundestag wieder, und eine neue ereignisreiche Woche begann für mich. Neben den AG- und AK-Sitzungen, die ich ja bereits aus meiner ersten Woche kannte, besuchte ich nun auch die Sitzung des Ausschusses für Landwirtschaft, Ernährung und Verbraucherschutz (ELV). Hier sitzen nun die Abgeordneten aller Fraktionen an einem runden Tisch und diskutieren Probleme, Gesetzesvorlagen und ?änderungen. In diesen Diskussionen kann es mitunter hoch hergehen, und so verwundert es auch nicht, dass eine Ausschusssitzung mehrere Stunden, bis in den Nachmittag hinein, dauern kann. Für mich war es spannend zu erleben, wie Politiker verschiedener Fraktionen mit teilweise völlig konträren Meinungen, in dieser Sitzung diskutierten, debattierten und abstimmten.
Zwischen den verschiedenen Sitzungen mussten wir immer wieder die Örtlichkeiten wechseln, und liefen durch die großen, holzverkleideten Flure des Jakob-Kaiser-Hauses, in denen ich mir anfangs sehr verloren vorkam, da jeder Flur gleich aussah. Wir liefen Treppen rauf und runter, begegneten bekannten Gesichtern, die ich normalerweise nur aus der Zeitung oder den Nachrichten im Fernsehen kenne, und durch unterirdische Gänge, um zum Reichstag zu gelangen. Diese Gänge, für den normalen Bundestagsbesucher unsichtbar, sind weit verzweigt und verbinden die einzelnen Gebäude, in denen die Abgeordneten ihre Büros haben, miteinander und mit dem Reichstagsgebäude. In den ersten Tagen verlief ich mich, trotz zahlreicher Erklärungen durch Frau Torge-Altmann, der Mitarbeiterin von Herrn Dr. Geisen, noch regelmäßig in diesem unterirdischen Labyrinth. Später sah für mich nicht mehr jeder Flur wie der andere aus, und ich kannte die Schleichwege, die ich nehmen musste, um schnell (und vor allem trockenen Fußes) ins Reichstagsgebäude zu gelangen.
Neben der normalen Arbeit im Bundestag bekam ich auch immer wieder die Gelegenheit, Veranstaltungen oder Vorträge zu besuchen. So waren wir beispielsweise zu einem Frühstück in die hessische Landesvertretung eingeladen, in dessen Rahmen eine Studie über Ernährung in Schulen vorgestellt wurde. Diese Veranstaltungen in netter Atmosphäre und mit leckerem Essen, sind gewiss eine der positiven Seite, die die Arbeit als Bundestagsabgeordneter hat. Man darf jedoch nicht vergessen, dass es bei solchen Veranstaltungen immer um das Repräsentieren der Arbeit geht und nicht um das eigene Vergnügen, außerdem gibt es so viele Veranstaltungen, dass diese sich oft überschneiden. Herr Dr. Geisen hat häufig mehrere Einladungen an einem Abend, die er gar nicht alle wahrnehmen kann. Und trotzdem sind es immer noch so viele, dass er von einem Termin zum anderen eilen muss.
Abschließend möchte ich festhalten, dass das Praktikum im Büro von Herrn Dr. Geisen eine tolle Gelegenheit für mich ist, die Arbeitsabläufe des Bundestages besser kennenzulernen und einen Einblick in den hektischen Alltag der Bundespolitik zu bekommen. Die Arbeit der Mitarbeiter in den Büros ist geprägt vom schnellen Wechsel tagespolitischer Themen - ein Thema, zu dem wir heute noch eine Pressemitteilung verfasst haben, kann morgen schon gar nicht mehr in den Medien vorkommen und damit ?out? sein. Durch das Praktikum werde ich im weiteren Verlauf meines Studiums viele Dinge nun aus einem anderen Blickwinkel betrachten können und noch kritischer hinterfragen, was in den Medien über die Politik geschrieben wird. Denn eins habe ich in meinem Praktikum deutlich gemerkt: Es ist längst nicht alles wahr, was in der Zeitung steht.










